Unglücke im Schienenverkehr

Obwohl der Schienenverkehr von der Technik her ein sehr sicheres Verkehrsmittel ist, bleibt es nicht aus, dass sich gelegentlich auch Unfälle ereignen. Auch die Region Kassel blieb von solchen Ereignissen nicht verschont. Nachfolgend eine Aufstellug der mir bekannten Unfälle im 20. Jahrhundert:
24. 8. 1872, Grebenstein
Ein Richtung Kassel fahrender Schnellzug entgleiste in der südlichen Bahnhofsausfahrt. Der Lokheizer kam dabei zu Tode. Man nahm seinerzeit dieses Unglück zum Anlaß, die Trassierung der Bahn zu ändern. Ein neuer (und heute noch existierender) Bahnhof wurde außerhalb des Ortes angelegt. Der Umbau dauerte drei Jahre, 1875 wurde die "Neubaustrecke" erstmals befahren, 1934 die nicht mehr benötigten Viadukte der aufgelassenen Strecke abgerissen.
8. 5. 1927, Hugo Preuss- Strasse
Die Endstation "Druseltal" liegt in einem starken Gefälle. Am 8. Mai 1927 rollte der mit Fahrgästen, aber ohne Personal, besetzte Wagen 105 zu Tal, entgleiste in einer Kurve, überschlug sich und wurde zertrümmert. Es waren 9 Tote und 20 Verletzte zu beklagen.
23.11.1927, Herkulesbahn
Am Vormittag des 23.11.1927 stiessen im Druseltal zwei Fahrzeuge der Herkulesbahn frontal aufeinander. Es gab zwei Schwerverletzte. Der talwärts fahrende Wagen hatte wegen vereister Schienen nicht mehr bremsen können.
1941, Hugo Preuss- Strasse
Im Jahr 1941 wiederholte sich der Unfall aus 1927. Diesmal rollte beim Umsetzen der Beiwagen 525 talwärts, entgleiste in der Kurve und erfasste 2 Spaziergänger, die dabei zu Tode kamen. Nach diesem Unglück wurde eine Schutzweiche eingebaut, die bis 1981 existierte. Auf dem Bild aus 1980 erkennt man sie im Schatten des Beiwagens.
12.4.1941, Naumburger Kleinbahn
Auf der Kleinbahn ereignet sich an diesem Tag eine folgenschwere Entgleisung. Lok und Wagen stürzen den Bahndamm hinab. Glücklicherweise sind keine Toten zu beklagen.
20.8.1946, Wilhelshöhe- die Brücke brennt
Hier sieht man die Strassenbrücke im Zuge der Wilhelmsöher Allee. Das Bauwerk überlebte den zweiten Weltkrieg. In der Nacht vom 20. zum 21. August 1946 jedoch wurde sie durch einen brennenden Kesselwagen zerstört. Während der damals noch spärliche Strassenverkehr wohl leicht über die benachbarten Brücken bzw. durch die Unterführung Regentenstrasse umgeleitet werden konnte, ergaben sich für die Strassenbahn erhebliche Behinderungen: der Betriebshof Wilhelmshöhe war vom Netz getrennt! Mit grossem Aufwand wurden die erforderlichen Wagen auf Tiefladern auf die Ostseite der beschädigten Brücke transportiert, um von dort aus den Strassenbahnbetrieb in Kassel aufrecht zu erhalten. Recht schnell wurde eine Behelfsbrücke errichtet, die wiederum in 1947 durch einen Neubau ersetzt wurde. Dieser "Neubau" musste 1988 dem als Brücke ausgeführten Bahnhofsvorplatz (Willy Brandt- Platz) weichen.
1950, Ihringshausen
9. 9.1957, Geisterzug Industriebahn
Sechs abgestelle Güterwagen machen sich während eines Rangiervorganges selbstständig und rollen auf dem Industriegleis entlang der Bunsenstrasse zu Tal. Die rasante Fahrt endet in einer Fabrikhalle der Firma HENSCHEL. Das Leben eines mitfahrenden Ochsen, der für den nahegelegenen Schlachthof bestimmt war, wurde durch den Unfall um einige Stunden verkürzt. Obwohl zehn unbeschrankte Bahnübergänge überfahren wurden, kamen keine Menschen zu Schaden.
19.5.1958, Absturz der 92 585
5.11.1973, Guntershausen
Am 5. November 1973 ereignete sich an der nördlichen Einfahrt des Bahnhofs Guntershausen ein schweres Zugunglück, welches 12 Menschenleben und viele Verletzte forderte. Der Ablauf ist später folgendermaßen rekonstruiert worden: 14:18 Der Interzonenzug D 453 Mönchengladbach-Leipzig verlässt mit 7 Minuten Verspätung den Kasseler Hauptahnhof. Er besteht aus 10 Wagen und einem blauen Aüm der DB als Zusatzwagen am Zugschluß. Bespannt ist der D 453 an diesem Tag mit der Kasseler 216 023.
    14:22 Der DC 973 Ederland mit 110 243 folgt dem Interzonenzug. Bis Guntershausen haben beide Züge den gleichen Weg, erst dort fährt der D 453 an der Ostseite des Inselbahnsteiges Richtung Bebra, während der DC nach Süden auf die Main- Weser- Bahn schwenkt.
  • 14:22 Der Lokführer des D 453 sieht das Vorsignal zur Einfahrt Guntershausen in Stellung "Vr2", also Langsamfahrt mit 40 km/h über die nachfolgende Weichenstraße. Er leitet die erforderliche Bremsung ein. Durch die sehr starke Verschutzung der Schienen mit Laub zusammen mit Nieselregen kann er den Zug nicht auf die erforderliche Geschwindigkeit abbremsen und wird von der INDUSI am Einfahrsignal gestellt. Der Zug steht nun im nördlichen Einfahrbereich des Bahnhofs Guntershausen, die letzten Wagen ragen noch vor das Einfahrsignal. Der Lokführer meldet eine Störung an den Fahrdienstleiter. Das davorliegende Blocksignal "Buchberg" zeigt ordnungsgemäß Hp0, da der Abschnitt bis Guntershausen ja noch nicht vollständig vom D 453 geräumt ist.
  • 14:29 Der D 975 fährt mit den erlaubten 120 km/h durch den Bahnhof Rengershausen. An der Ausfahrt zeigt bereits das Vorsignal zum Block Buchberg Vr0, d.h. "Halt erwarten". Im Normalfall reichen die nun folgenden 1000 m aus, den kurzen Zug zum Stehen zu bringen. Auch hier liegt aber nasses Laub auf den Schienen, sodaß der Lokführer die notwendige Reduktion der Geschwindigkeit nicht durchführen kann. Am 2000Hz- Magnet des Blocksignals Buchberg wird eine Zwangsbremsung ausgelöst. Mit immerhin 90 km/h gleitet der DC nun talwärts und prallt mit ca. 40 km/h auf den letzten Wagen des D 453.
  • 14:34 Ein Großeinsatz von Feuerwehr und Rettungsdiensten wird ausgelöst, um eingeklemmte Personen zu befreien, die Verletzten zu versorgen und die Toten zu bergen. Die Strecke bleibt bis zum nächsten Tag vollständig gesperrt. Das Wrack des Aüm wird auf dem Bahndamm abgelegt und später beseitigt. Die Zuglok 110 243 des DC 975 wird später repariert. Seit diesem Unglück besteht auf dem Streckenstück Rengershausen - Guntershausen eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 80 km/h.
15.4.1986, Rengershausen
In der Nacht zum 15. April 1986 fährt ein Güterzug (mit 150 092) auf einen weiteren, im Bahnhof Rengershausen stehenden, Güterzug auf.
30.11.1989, Bettenhausen
Zwei mit Stahl beladene Flachwagen rollen von Kaufungen-Papierfabrik nach Bettenhausen. Auf dem Bahnübergang "Forstfeldstraße" erfassen sie einen PKW, dessen Fahrer noch an der Unfallstelle verstirbt.
5.7.1997, Stadtallendorf
Vom Güterzug Seelze-Kornwestheim lösen sich mehrere Stahlrohre. Eines davon schlitzt den Steuerwagen des entgegenkommenden Regionalexpress Frankfurt-Kassel im unteren Bereich seitlich auf. Sechs Tote und 13 Verletzte sind zu beklagen.
1.11.2006, Obervellmar
In der Nacht zum 1. November 2006 stösst ein Güterzug (mit 155 109) auf einen Bauzug (mit NVAG-203). Drei Personen werden verletzt. Die 203 soll wieder aufgebaut werden, die 155 wartet auf der Ladestrasse auf ihre Zerlegung.
Literatur zum Thema:


Volker Credé, Kassel, im Februar 2008